Mut-Tour: „Wir können etwas machen, das sinnstiftend ist“

Mit „Umsonst-Abenteuern“ bietet Sebastian Burger der Volkskrankheit Depression die Stirn. „Mut-Tour“ heißt das Startup, das der studierte Fotograf und leidenschaftliche Fahrrad-Abenteurer dazu gegründet hat. Zu Besuch bei einem Bremer Social Entrepreneur.

 

Sebastian, Mut-Tour – was ist?

Mut-Tour macht ermutigende Öffentlichkeitsarbeit zum Thema Depression. Wir schaffen durch unsere Aktionen positiv konnotierte Artikel. Üblicherweise herrscht bei stigmatisierten Themen, wie Depression es ist, nämlich vornehmlich Negativaufklärung.

 

Wie funktioniert das praktisch?

Durch finanziell niederschwellige Mitmach-Angebote. In den nächsten zwei Jahren fahren wir mit Menschen mit und ohne Depressionserfahrung insgesamt 29 Etappen à 6,5 Tage in Sechser-Teams auf Tandems durch Deutschland. Dazu haben wir noch ein Wander- und ein Kajak-Team. Diese Sechser-Einheiten sind der „heilige Kern“. Alle zwei Jahre machen dazu bundesweit 2000 Menschen bei Mitfahraktionen mit. Das koppeln wir an große Events mit Infoständen; zum Beispiel, als wir am 3. September 2016 zum großen Finale nach 9.200km in Bremen ankamen.

Pro Jahr erreichen wir damit etwa acht Millionen Leute allein über die Printmedien. Dazu kommen 1500 bis 3000 direkte Kontakte pro Jahr „auf der Straße“ und das, was über Social Media läuft …

 

Und wer bezahlt dafür? Was ist das Geschäftsmodell hinter Mut-Tour?

Kurz zusammengefasst zahlen gesetzliche Kranken- und die Rentenversicherungen, Aktion Mensch und einige Stiftungen dafür, dass wir daran arbeiten, Depression zu entstigmatisieren. Die Deutsche Depressions-Liga ist der Trägerverein, über den alles läuft. Ein Modell, das für alle Stakeholder interessant ist: Aus Sicht der Teilnehmer gibt es ein Abenteuer mit einem Abenteuerprofi, aus Sicht der Medien servieren wir ein schwieriges Thema perfekt vorgekaut auf dem Präsentierteller und sie können niederschwellig über die Teilnehmer und deren Tipps für einen guten Umgang mit Depression darüber berichten. Kranken- und Rentenversicherung haben immer ein Interesse, Volkskrankheiten kausal anzugehen (durch unsere Öffentlichkeitsarbeit) und langfristig Kosten zu sparen. Aus Sicht des Trägervereins leben wir dessen Satzung – bundesweit und medienwirksam –, was für einen Bundesverband essentiell ist. Und aus meiner und der Sicht anderer freier bzw. fester Mitarbeiter: Wir können etwas machen, das sinnstiftend ist. In meinem Fall kann ich mich davon finanzieren, spare mir noch den Mitgliedsbetrag für die Fitnessbude um die Ecke – und dank langsamen Wachstums und der damit einhergehenden Arbeitsteilung bleibt nicht mehr so viel an mir hängen. Das „Selbst und Ständig“ schleicht sich laaangsam aus. Das ist für meine eigene psychische Gesundheit auch sehr nötig!

 

Was motiviert Dich, Dich für depressive Menschen einzusetzen?

Als ich zum Studium nach Bremen gekommen bin, hatte ich selbst zwei Winterkrisen. Dafür gab es verschiedene Gründe, unter anderem, dass ich aus Süddeutschland einfach mehr Licht gewohnt bin. Ich war zu dem Zeitpunkt also nicht depressions-, aber krisenerfahren. Das war mein Einstieg in die Materie. Dann sind zwei Freundinnen richtig erkrankt, klinisch, und entwickelten auch Angst vor der Stigmatisierung durch Verwandte und vor allem die Arbeitgeber und Kollegen. Ich fand und finde es empörend, dass sich Menschen für nicht-körperliche Probleme schämen und dass man nicht genauso offen sagen kann: „Mir tut Psychotherapie gut“ wie „Ich war beim Physiotherapeuten.“ Genau da setzt Mut-Tour an.

 

Du hast Fotografie studiert. Wo hast Du Deine Unternehmer-Skills her?

Dank meiner Freiberuflichkeit als Diashow-Referent und der Herausgabe eines Bildbandes über meine älteren Foto- und Tandem-Abenteuer hatte ich schon zwölf Jahre Erfahrung mit vielem, was Selbstständigkeit so mit sich bringt. Ich habe aber dennoch drei Förderprogramme durchlaufen, die alle gut und richtig waren. BRUT hat mir persönlich am meisten gebracht. Zum einen konnte ich mich da richtig intensiv um den Businessplan kümmern. Das war extrem hilfreich. Außerdem habe ich dort rechnen gelernt. Ich habe mittlerweile auch zwei Freundinnen dazu beraten und würde das wirklich jedem, der oder die ein BWL-Defizit hat, ans Herz legen.

 

Vielen Dank für das Gespräch!

 

www.mut-tour.de